Sebastian Kirchner hat in Wien im Sommer- und Wintersemester 2016 Erasmus+  gemacht. Er studiert Angewandte Psychologie am Standort Müchnen.

Vorbereitung

Um einen Erasmus+ Austausch überhaupt an einer Universität im Ausland wahrnehmen zu können, müssen Heimatuni und die gewünschte Gastuni eine Erasmus+ Partnerschaft schließen. Zwischen HSF und SFU bestand diese zum Zeitpunkt meines Vorhabens noch nicht. Die Kontaktaufnahme zu Hr. Jandl war telefonisch sehr unkompliziert. Nachdem ich ihm einige Eckdaten zu meiner Heimatuni schilderte, war er sehr schnell bereit eine Partnerschaft einzugehen. Dafür habe ich den Kontakt zwischen ihm und Katrin Juretic (Mitarbeiterin des Competence Center International Services der HSF) hergestellt. Nach einigem Prüfungsprozedere und Formalitäten zwischen den beiden Hochschulen war nach ca. zwei Wochen die Partnerschaft hergestellt und das Austauschprogramm war möglich.

Anschließend habe ich die für mich interessanten Modulbeschreibungen der Lehrveranstaltungen der SFU meiner Studiendekanin Prof. Dr. Cordula Krinner zur Prüfung der Anrechenbarkeit von Leistungen vorgelegt. Hier kann es durchaus zu Problemen kommen, da nicht jede Uni die gleichen Inhalte für an sich thematisch gleiche Fächer im Fokus hat. Ich konnte jedoch das Semesterpensum von 30 ECTS mit genügend Veranstaltungen füllen. Die möglichen Anerkennungen lagen vor allem auf Grundlagenfächern, wie Diagnostik, quantitative und qualitative Verfahren, Differentielle Psychologie und Statistik.

Um den Bewerbungsprozess abzuschließen, braucht es ein Learning Agreement, in dem alle angestrebten Leistungen und der geförderte Stipendium-Zeitraum (Aufenthaltszeitraum) festgelegt werden und alle verantwortlichen Personen unterschreiben. Nach Zusendung des Agreements an die Heimatuni wurde das Agreement unterzeichnet und von Fr. Juretic an Hr. Jandl weitergeleitet. Im Februar habe ich dann die Zusage zur Förderung des Auslandssemesters mit einem Erasmus+ Stipendium von Frau Schlosser (Erasmus+ Koordinatorin) erhalten. Die Vorlesungszeit begann am 8. März 2016.

Anreise und Ankunft

Es gibt unterschiedliche Wege nach Wien zu reisen. Die günstigsten Optionen sind die Anreise per Flixbus bzw. die EuropaSpezial Angeboten der deutschen Bahn. In Wien angekommen gibt es ein gut ausgebautes öffentliches Verkehrsliniennetz. Die App „Qando“ hilft bei der Suche nach der richtigen und schnellsten Verbindung vom Ankunftsort zum Zielort. Eine einfache Fahrt kostet derzeit 2,20 € und ist in eine Richtung innerhalb Wiens 3 Std. gültig.

Ich hatte das Glück mit dem Auto meines Vaters anreisen zu können und konnte so mein wichtigstes Reisegepäck mitnehmen. In Wien leben meine Freundin und einige Bekannte seit längerer Zeit. Deshalb war mir Wien und ihre lebenswerten Kultur-, Freizeit- und Bildungsangebote durch mehrmalige Aufenthalte bereits bekannt.

Unterkunft im Gastland

Der Wohnungsmarkt in Wien ist nicht derart überlaufen wie in den Städten München oder Hamburg. Auf den einschlägigen Seiten wie wg-gesucht.de, willhaben.at, studenteninserate.at oder auch in diversen Gruppen zur Wohnungssuche in Wien auf Facebook (Altbauwohnungen Wien; Provisionsfrei Wien; WG Zimmer & Wohnung WIEN – Suche & Biete; Accommodation Wien: WG, Zwischenmiete, flat-share, Zimmerbörse) stehen etliche Inserate für unterschiedliche Preisklassen bereit. Ich hatte hier auch das Glück über Bekannte ein kleines halbmöbliertes Zimmer zur Zwischenmiete zu bekommen. Für 16 qm Altbau habe ich 300€ warm inklusive W-lan gezahlt.

Es gibt in Wien die Möglichkeit sehr günstig an gebrauchtes Mobiliar zu kommen. Die Caritas hat dafür ein großes Lager namens Carla eingerichtet, das täglich gebrauchte Möbel von Wohnungsauflösungen geliefert bekommt. In meinem Fall wurde ich fündig: Ein schlichter Schreibtisch, zwei Stühle und ein Nachttisch für insgesamt 70 €. Es lohnt sich dort vorbeizuschauen.

Studium an der Gasthochschule

Die Vorlesungszeit des SoSe16 an der SFU begann am 08. März 2016 und endete am 17. Juni 2016. Daran anschließend folgten die Prüfungen der 1. Prüfungstermine. Diese waren auf zwei Wochen verteilt. Die Veranstaltungen teilen sich in Vorlesungen und Übungen auf, wobei in den Übungen Anwesenheitspflicht herrscht. Es wurden nach jeder Übung Hausübungen aufgegeben, die dann bis zur nächsten Einheit bearbeitet werden sollten. In der nächsten Einheit wählte dann ein Zufallsgenerator einen Student pro Aufgabe aus, der/die seine/ihre Lösung vorgestellt hat. Jeder Student hat am Anfang des Semesters für jede Übung ein Kontingent von 70 Punkten, die je nach Abwesenheit oder bei unbeantworteten Aufgaben mit einem Minus-Punkt bzw. zwei Minus-Punkten abgezogen wurden. Zusätzlich ist ein Gruppenprojekt/Referat mit 10 Punkten verpflichtend vorgesehen. Die Benotung richtet sich nach den am Ende des Semesters übrig gebliebenen Punkten, zusammen mit der erbrachten Leistung in der Prüfung, die anteilig von der Gesamtnote 20 Punkte ausmacht. Um ein Modul bestehen zu können, sind mindestens 64 Punkte durch die Übungen und 60% richtige Aufgaben bei der Prüfung notwendig. Die Prüfungen werden nochmals an den zweiten Prüfungsterminen in den ersten zwei Oktoberwochen und an den dritten Prüfungsterminen von den Dozenten in Absprache mit den Prüfungsanwärtern im Folgesemester angeboten. Die Prüfungen dürfen bei Nichtbestehen, oder Verbesserungswünschen der erreichten Note wiederholt werden.

Es gibt ein Online-Prüfungsanmeldeportal, über das man sich bei den angestrebten Prüfungsterminen anmeldet. Die An/Abmeldung ist bis 24 Stunden vor der Prüfung möglich. Prüfungen dürfen bis zu viermal wiederholt werden, danach ist ein Ausschuss von Entscheidungsbefugten über Fortsetzung oder Ausscheidung aus dem Studium vorgesehen, der individuell über den Fortgang entscheidet. Die Qualität der Lehre und Pädagogik der SFU sind durchweg zu loben. Die Dozenten und Professoren sind sehr engagiert und versiert und haben langjährige Erfahrungen im universitären Bereich oder der thematischen Arbeitswelt. Die Gestaltung des Unterrichts und Lernniveaus ist anspruchsvoll und regt zu Fleiß und Mitarbeit an. Das Studium ist in jedem Fall zu empfehlen, man lernt viel und kann durch das engmaschige Lernsystem zusammen mit moderierten Diskussionsrunden viele Inhalte aktiv bearbeiten.

Kompetenz und Lernerfolg

Die Kurse im Bachelor Psychologie werden alle in deutscher Sprache (manchmal mit Wiener Dialekt aber trotzdem sehr verständlich) präsentiert. Ich habe anrechenbare Kurse aus dem zweiten, vierten und sechsten Semester besucht. In jedem Semester studieren ca. 90 Studenten, die sehr kooperativ, kollegial und freundschaftlich miteinander umgehen. Das Klassenklima war durchweg konstruktiv, was anregende Gespräche und umfängliche zirkulierende Diskurse mit umfassender Beleuchtung der Unterrichtsthemen ermöglichte. Die DozentInnen erfüllen ihre pädagogischen Qualitäten durch besondere Moderationsfähigkeiten, die einen systematisch, anschaulich und einleuchtend durch den Stoff der Veranstaltungen leiten und begleiten.

Lehrveranstaltungen werden nur im Turnus von zwei Semestern angeboten, d.h. im SoSe 16 wurden die Lehrveranstaltungen der geraden Semester angeboten. Im folgenden WiSe 16/17 werden dann Lehrveranstaltungen der ungeraden Semester angeboten. Für bestimmte Leistungsanerkennungen an der HSF sind teilweise Doppelveranstaltungen aus zwei verschiedenen Semestern an der SFU zu besuchen. Zum Beispiel besteht Differentielle Psychologie aus „Differentieller Psychologie II“ im SoSe 16 und „Differentielle Psychologie I“ im WiSe 16/17. Beide Veranstaltungen muss ich erfolgreich bestehen, um sie als einsemestriges Modul Differentielle Psychologie an der HSF anrechnen lassen zu können. Aus diesem Grund sind in diesem Fall zwei Erasmus+ Semester an der SFU notwendig.

Auch war es sehr interessant, Einblicke in die unterschiedlichen Arbeitsweisen in einem anderen Lehrsystems zu erhalten. Besonders dabei ist der studentenfreundliche Umgang in Sachen An- und Abmelden und die Wiederholbarkeit von Prüfungen hervorzuheben. Das oben bereits beschriebene Lern- und Benotungskonzept sichert eine intensive Beschäftigung mit den verschiedenen Thematiken außerhalb der Universität. Der Unterricht ist abwechslungsreich und bereitet zielgerichtet auf die Prüfungen vor.

Krankenversicherung

Für Krankenbesuche bei Ärzten und bei intensiveren medizinischen Versorgungsnöten wäre meine Studentenversicherung bei der Techniker Krankenkasse eingetreten. Es kann sein, dass Zahlungen vorgeleistet werden müssen, jedoch von der Versicherung im Nachgang erstattet werden.

Handy und Einkaufen

Wer Interesse an einem Mobilfunkvertrag hat bzw. ein österreichisches Prepaid-Handy braucht, wird mitunter bei „bob“ fündig

Nahrungsmittel sind insgesamt teurer als in Deutschland. In Wien gibt es verschiedene Discountsupermärkte wie zum Beispiel Hofer und Penny etc. Dort findet man das günstigste Angebot. Billa und Spar sind teurer. Die Qualität der Waren ist aber bei allen positiv zu bewerten. Es gibt zwar Drogeriemärkte, Pflegeartikel sind jedoch recht teuer. Am besten von zu Hause eine/zwei Rationen mitnehmen

Alltag und Freizeit

Wien bietet vielfältige und facettenreiche Möglichkeiten der Alltagsgestaltung. Von Schwimmbädern, Parks, Sport- und Freizeiteinrichtungen über kostenfrei zugängliche Sportanlagen, wie Fußball-, Basketballkäfige (ähnlich angelegt wie in den USA), die zahlreich in der Stadt verteilt sind. Daneben gibt es Tischtennisplätze, Rad- und Joggingrouten, Parkour- und Trimm-dich-Pfade. Kulturell gibt es verschiedenste Angebote der Theaterwelt, in denen alle Genres vertreten sind, etliche Museen die Schätze aus allen Epochen zeitgenössischer Kunst, abstrakte Malerei und Performance Kunst, experimentelle Kunst und wechselnde Ausstellungen von international berühmten Künstlern hüten. Konzerte, Clubs, Bars und Restaurants laden zum Essen, Genießen und Feste feiern ein. Im Sommer ist die Stadt an zahlreichen Plätzen sehr belebt. Es gibt viele kleine bis große städtische Veranstaltungen, aber auch kleine und mittlere informell veranstaltete Open Airs. Infos darüber lassen sich leicht mit den hier angegebenen Schlagworten über Internetsuchmaschinen oder Facebook ausfindig machen.

Sonstige Tipps

Parks zum Verweilen: Stadtpark, Volksgarten, Augarten, Praterallee

Wiener Kaffeehäuser: Cafe Sperl, Cafe Jelinek, Cafe Prückl, Cafe Kafka

Schöne Plätze: Heldenplatz, Ulrichsplatz, Donaukanal, Naschmarkt

Außerhalb Wiens: Lobau, Neufelder See, Wienerwald bei der Sofienalpe, Heuriger „Leitner“

Gute Restaurants: Sosaku, Ramien, Prückl, Weinschenke, Hinterhof Cafe, Naschmarkt, Plachhutter

Fazit

Das Erasmus-Semester an der SFU war eine sehr schöne Erfahrung, die ich nicht missen will. Der Campus der SFU liegt unmittelbar im elitären und zukunftsträchtigen Bildungsumfeld der renommierten Wirtschafts-Universität Wien (WU) direkt anschließend an den Prater (ganzjähriger Jahrmarkt). Es gibt dort ein vielseitiges Angebot an Essens-, Sport-, Freizeit- und Erholungsmöglichkeiten, dass zu dem arbeitsintensiven Lernalltag an der SFU einen sehr guten Ausgleich bietet. Gewöhnungsbedürftig, jedoch hervorragend um aus der eigenen Komfortzone herausgeholt zu werden, stellt die tägliche Auswahl mehrerer Studenten durch den Zufallsgenerator dar, die dann Impulsreferate und Aufgaben präsentieren müssen. Dieses System gibt schon während des Semesters eine gefühlte Anbindung an die Leistungserhebung und wäre als Empfehlung zur Einführung an der HSF denkbar. Dadurch wird kontinuierlich der Lernfortschritt gesichert. Die Studenten sind aufgefordert (miteinander) neben der Uni Thematiken zu besprechen und intensiv zu behandeln.

Kontakt: kirchner.sebastian@muenchen.hs-fresenius.de